Fotos: Grüne Hockenheim/ Oliver Grein

Das neue grüne Herz Hockenheims

Grüner Abendspaziergang zum Hochwasser- und Ökologieprojekt

Wohin zieht es uns bei Sommerhitze? Natürlich ins Grüne. Dorthin, wo es ein paar Grad kühler ist als in den Siedlungen mit ihren aufgeheizten Häusern und Straßen. So wie viele Bürgerinnen und Bürger zog es auch die Grünen bei der Sommerhitze am Freitagabend (21.08.2020) ins grüne Herz Hockenheims. Die Grünen in Hockenheim und der Grüne Kreisverband Kurpfalz-Hardt hatten zu einem abendlichen Spaziergang zum Hochwasser- und Ökologieprojekt (HÖP) in Hockenheim eingeladen und viele Interessierte sind dieser Einladung gefolgt.  „Die Führung übernimmt heute Dr. Andre Baumann aus Schwetzingen, der unser HÖP bestens kennt“, sagte der grüne Stadtrat Adolf Härdle in seiner Begrüßung. Baumann kenne Hockenheim als ehemaliger NABU-Bezirksvorsitzender, als ehemaliger Staatssekretär des baden-württembergischen Umweltministeriums habe er das Hochwasser- und Ökologieprojekt Hockenheim fachlich begleitet und das Land beim Spatenstich vertreten. Nun sei der Staatssekretär seit Februar Vertreter des Ministerpräsidenten und unseres Landes in Berlin. „Hockenheim gibt´s auch in Berlin. In Deiner Landesvertretung steht auch ein Buch über Hockenheim“, merkte Härdle an. „Nun möchten wir, dass du unseren Wahlkreis in Landtag vertrittst.“

„Das HÖP Hockenheim ist ein Leuchtturmprojekt für Baden-Württemberg. Hier wurden gleichzeitig mehrere Ziele gleichzeitig erreicht: Hochwasserschutz für Hockenheim, eine Renaturierung des Kraichbachs, eine städtebauliche Aufwertung des Hockenheimer Ortszentrums“, sagte Baumann. „Ich möchte am Beispiel des HÖP zeigen, wie ein moderner Umgang mit Gewässern mit einer guten Beteiligung der Bürgerinnen und Bürgern funktioniert.“

Fotos: Grüne Hockenheim/ Oliver Grein

„Hockenheim war nur gegen zehnjährliche Hochwasser geschützt“

Die Hauptmotivation für eine Zusammenlegung des Kraichbachs und des Mühlkanals war der Hochwasserschutz. „Die Jahre 1997 und 2002 haben gezeigt: Hockenheim ist gegen extreme Hochwasserereignisse nicht ausreichend geschützt“, sagte Baumann. Nur knapp sei Hockenheim Überschwemmungen entgangen. Diese Beinahe-Katastrophen hätten die Prognosen der Hochwassergefahrenkarten bestätigt, die für ganz Baden-Württemberg erstellt worden seien. Nur gegen ein zehnjährliches Hochwasser sei Hockenheim geschützt gewesen. „Wir müssen unsere Gewässer auf 100-jährliche Hochwasserereignisse vorbereiten, inklusive eines 15-prozentigen Klimazuschlags, da die Wetterextreme leider in den nächsten Jahren zunehmen werden“, erklärte der Umweltexperte Baumann. „Hochwasserschutz muss immer oberste Priorität haben – nicht erst bei oder kurz nach Hochwasserkatastrophen. Darum ist es gut, dass in Baden-Württemberg rund 105 Mio. Euro jährlich für Hochwasserschutz- und Gewässerökologiemaßnahmen zur Verfügung stehen“, sagte der Baumann. Das grüne Umweltministerium habe das Wasserentnahmeentgelt, eine Abgabe auf Wassernutzung, erhöht, das nun vollständig in den Hochwasserschutz und lebendige Bäche fließt. „Hier ist Baden-Württemberg vorbildlich.“ Dem neuen Kraichbach wurde auf einer Länge von rund 800 Meter mehr Raum und damit mehr Volumen gegeben, um mehr Wasser aufzunehmen und damit Überschwemmungen zu vermeiden. Entlang des Bachs wurden zusätzlich Hochwasserschutzmauern und Dämme zum Schutz von angrenzenden Siedlungsbereichen errichtet. „Hockenheim ist nun deutlich besser vor außergewöhnlichen Hochwasserereignissen geschützt.“

Europäische Pflichtaufgabe: Lebendige Gewässer

„In vielen unserer deutschen Volkslieder werden Bäche und Flüsse besungen. Wenn die Lieder heute geschrieben würden, würden meist Klagelieder herauskommen“, so Dr. Baumann. Die EU habe mit der Wasserrahmen-Richtlinie ein Gesetz für die Schaffung lebendiger Gewässer in ganz Europa geschaffen. „Auch in Baden-Württemberg müssen wir lebendige Gewässer schaffen: Gewässer, die zum Träumen einladen, in denen sauberes Wasser fließt, mal entlang eines Röhrichts, mal sanft über eine Kiesbank. Bäche sollen sich – wo möglich – wieder schlängeln und ihr Bett wieder selbst machen können“, erklärt der Umweltexperte. Im Gewässerentwicklungsplan der Gewässerdirektion Karlsruhe sei der Kraichbach als Gewässer in einem ökologisch schlechten Zustand eingestuft worden: Kraichbach und Mühlkanal waren in ein Betonkorsett gezwängt, die Böschungen waren zu steil. Das Gewässerbett war ohne Abwechslung und ohne Gumpen, das sind tiefe Löcher im Gewässerbett, in das sich Fische bei Sommerhitze zurückziehen können. Dem Abschnitt im Herzen Hockenheims kommt aber eine entscheidender Bedeutung für den ganzen Kraichbach zu: „Hier in Hockenheim hat der ansonsten sehr langsam fließende Bach das größte Gefälle in seinem Unterlauf. Deshalb gab es in Hockenheim auch früher drei Mühlen. Viele Fischarten sind auf schneller fließendes Wasser und Kiesgrund im Gewässer angewiesen. Wenn man den Kraichbach renaturiert, dann musste man hier anfangen, hier kann man am meisten erreichen“, erklärte Baumann. Der Kraichbach ist jetzt so naturnah geworden, wie man das mitten in einer Ortslage machen kann. Wasserbausteine und Wurzeln wurden fest eingebaut, Vorbild war ein Naturbach. „An manchen Stellen fließt der Kraichbach nun schnell, an manchen langsam. Es gibt jetzt Gumpen und Kiesbänke. Das ist wichtig. Manche Fischarten laichen nur auf Kies“, erklärte der Biologe. Der neue Kraichbach könnte nun wieder freudig besungen werden. Die Natur nimmt den neuen Kraichbach an.“ Eine Besonderheit sei das große Vorkommen des Steinbeißers im Kraichbach. „Der Steinbeisser ist in ganz Europa selten und muss deshalb nach der europäischen FFH-Richtlinie geschützt und gefördert werden.“ Steinbeisser sind kleine Fische, die am Grund von Fließgewässern leben, wo sie sich tagsüber in kiesige und sandige Substrate eingraben. „Es scheint, als würde der Steinbeißer den Boden zerbeißen. Er schluckt Sand, keine Steine und filtert daraus kleine Krebse, Insektenlarven oder Pflanzenteile.“ Aus Sicht des Naturschutzes und der Gewässerökologie sei die Renaturierung des Kraichbachs sehr gelungen. Allerdings habe der Kraichbach in den letzten beiden Jahren viel zu wenig Wasser geführt. Deshalb müsse, so Baumann, der Kampf gegen den Klimawandel entschieden fortgesetzt werden. „Wenn es noch deutlich wärmer wird, kann es sonst passieren, dass in ein paar Jahrzehnten im Sommer der Kraichbach trocken fällt oder kein Wasser mehr fließt“.

„Grünes Herz von Hockenheim“

„Das HÖP ist auch eine hervorragende städtebauliche Aufwertung von Hockenheim“, lobte Stadtrat Härdle das Projekt. Die Stadt Hockenheim habe sich mit rund 4 Millionen Euro am Projekt beteiligt. Die Brücke und der Fahrradsteg sorgten für einen sicheren Zugang zum Meßplatz sorgen. Die Kraichbachterrasse und weitere Sitzstufen finden als naturnahe Freiräume guten Zuspruch durch die HÖP-Besucher. „Die rund 17 Mio. Euro Gesamtkosten des HÖP sind gut investiert.“ Baumann lobte die Stadt Hockenheim für ihr Engagement und fand auch lobende Worte für den den grünen Stadtrat. „Du hast dich in Stuttgart für dein Hockenheim und für das HÖP sehr eingesetzt. Das war sehr wichtig“, sagte Baumann.

Baumann würdigte am Ende der Veranstaltung Stadt und Regierungspräsidium für die Beteiligung der Bürgerschaft während der gesamten Projektlaufzeit. „Hier wurde die Politik des Gehörtwerdens gelebt, die Ministerpräsident Kretschmann eingeführt hat“, so Baumann. „Hinweise und Wünsche aus der Bevölkerung konnten aufgegriffen, Fragen beantwortet und Sorgen genommen werden.“ Die 17 Hektar große Baustelle am Kraichbach sei über viele Wochen eine Operation am Herzen Hockenheims gewesen. „Rund 1.400 Lkw-Ladungen, lärmende Bagger und Umwege für die Bevölkerung mussten erklärt werden“, so Baumann, der sich selbst am Baustellentag des Regierungspräsidiums von der guten Bürgerbeteiligung überzeugt hatte. „Die Operation ist geglückt: Wir können stolz auf unser HÖP sein. Möge es ein Vorbild für viele andere Gewässerprojekte im Land sein.“